Plattformen unterliegen einer ständigen Anpassung und Pflege. Das muss organisiert werden.

Trifft ein Unternehmen die Entscheidung für die Entwicklung und Verwendung einer Plattform, sind Anpassungen und Veränderungen in der administrativen Umsetzung erforderlich. Das kann unter Umständen auch zu organisatorischen Veränderungen führen und muss vorab bedacht werden.

Wiederverwendung – oder Plattform?

Die langfristige Nutzung einer Plattform bedeutet, dass der Umgang mit einer Plattform-Lösung etabliert und dauerhaft gemanagt wird. Plattformen unterliegen einer ständigen Anpassung und Pflege, was organisiert werden muss. Die Entscheidung für eine Plattform-Lösung ähnelt daher stark der Einführung einer neuen Betriebssystem-Software: Einmal eingeführt, muss ihre Anwendung geschult und die Abläufe den Randbedingungen der Lösung angepasst werden.

Viele Unternehmen verwenden einmal entwickelte Komponenten, Funktionen, aber auch Systeme oder Teilsysteme in neuen Anwendungen wieder. Dafür wird die Sicherstellung, bekannte Bausteine im Unternehmen zu nutzen, häufig bereits prozessual unterstützt und eingefordert. Inwiefern unterscheidet sich alsodie reine Wiederverwendung von einer Plattform?

Wiederverwendete Referenzlösungen werden meist nur kopiert. Dadurch bekommen sie eine dauerhafte Eigenständigkeit. Unterschiedliche Werkzeuge und eine andere Handhabung beim Kopiervorgang führen aber speziell bei Software-Funktionen zu Änderungen zwischen der Referenzfunktion und der abgeleiteten Lösung.

Aus diesem Grund muss das wiederverwendete System vor der finalen Validierung der Gesamtapplikation unbedingt überprüft werden. Das kann aufwendig sein und schnell bis zu 50 Prozent des Aufwands der gesamten Neuentwicklung einer übernommenen Funktion nach sich ziehen. Hinzu kommt, dass die Wissensträger der kopierten Funktion meist nicht mehr für die Verifikation im Kundenprojekt zur Verfügung stehen. Daher muss eine Verwendung von Referenzkomponenten und -funktionen von der Plattform immer eindeutig und identisch an die Nutzer, also an die Kundenapplikationen, übergeben werden. Das muss organisatorisch sichergestellt sein.

Plattform-Strategien

Es gibt ganz unterschiedliche Ausprägungen der Verwendung von Plattform-Lösungen. Vereinfacht lassen sie sich drei verschiedenen Plattform-Strategien zuordnen, die sich im Hinblick auf ihre Kosten- und Zeitaufwände unterscheiden:

1. Common Core

In der einfachsten Anwendung bezieht sich der Common- Core-Ansatz auf die für alle bzw. für viele Produkte gemeinsamen, immer gleichen Kernapplikationen oder auf für sich abgeschlossene Teilsysteme. Die Aufwände für das Management und für die Implementierung sind hier eher gering. Dieser Ansatz ist meist nur auf Komponentenebene identifizierbar. Daher ist der Nutzen für Anwendungen mit höherer Komplexität bald nicht mehr ausreichend.

2. Konfigurierbares Produkt

Der Ansatz des «konfigurierbaren Produkts» entspricht einer 150-Prozent-Lösung. Diese Plattform beinhaltet alle nur denkbaren Produktanwendungen. Das Kundenprodukt entsteht so durch «Weglassen und Konfigurieren» vorhandener Funktionen und Komponenten.

Die Time-to-Market solcher Produkte ist sehr schnell. Allerdings sieht dieser Ansatz keine kundenspezifischen Wünsche vor. Der Aufwand für die technische Wartung ist recht hoch. Außerdem muss sichergestellt werden, dass alle Varianzen der jeweiligen Lösung abgedeckt sind. Das ist aufwendig und daher nur in besonderen Märkten sinnvoll.

3. Produkt-Linie

Die dritte Option einer Plattform-Strategie ist die der «Produkt-Linie». Die Entwicklung der Plattform und die der kundenspezifischen Applikationslösung erfolgen getrennt voneinander. Die Plattform deckt einen skalier- und konfigurierbaren Lösungsraum ab, aus dem sich die Kundenprojekte bedienen. Die Lieferung der Teillösung erfolgt immer aus der Plattform heraus. Kunden-, markt- und produktspezifische ergänzende Funktionen werden separat für die Applikationen entwickelt.

Diese Form der Plattform-Umsetzung erfordert einen höheren Managementaufwand. Zudem muss das Variantenmanagement sämtlicher möglicher Plattform- Lösungsoptionen sehr konsequent und stringent geführt werden. Denn ohne eine saubere Organisation ist die Komplexität des Lösungsraumes nicht handhabbar (siehe Abbildung rechts).

Diese drei Ansätze definieren den Rahmen der späteren Plattformen und des Plattform-Managements.

Neue Funktionalitäten

Die große Bedeutung dieser Plattform-Strategie zeigt sich schon dadurch, dass eine eigene ISO-Norm für das Produktlinienmanagement entwickelt wurde, die ISO/IEC 26550: Software und Systems Engineering- Rerenzmodell für die Produktlinienentwicklung und Management».

Werden neue Funktionalitäten berücksichtigt, muss innerhalb der Organisation entschieden werden, ob sie kundenspezifisch oder als neuer Bestandteil des Plattform- Lösungsraumes entwickelt werden sollen: Bei einer Erweiterung der Plattform können auch geringste Änderungen und Kleinigkeiten höhere Aufwände nach sich ziehen als bei einer kundenspezifischen Einmalentwicklung.